Erika Wimmer: LOOP. raum zwischen erinnern und vergessen 


in LiLit 11/2017

Eine Ausstellung von Anna Maria Mackowitz und Elisabeth Melkonyan in der Katholisch-Theologischen Fakultät (23.03.–03.05.2017) thematisierte die Geschichte des Baus der Bagdadbahn und des Völkermords an den Armeniern

„Wenn man hinschaut, kann etwas in Bewegung kommen. Wenn man schweigt, wird alles starr und bleibt auf Schiene.“  Dieser im Interview mit den beiden Künstlerinnen geäußerte Grundgedanke der Ausstellung legt die erste Spur zu einem komplexen Thema, das den Besucher/innen aber auf ganz leichte Art entgegentritt. Der lange Gang der Katholisch-Theologischen Fakultät, der unter dem Motto Kunst im Gang seit vielen Jahren auf höchst spannende Weise mit bildender Kunst bespielt wird, ist offenbar geradezu ideal für die Installation LOOP: Der lang gezogene Raum scheint Projektidee und Thema – die Bagdadbahn, deren Bau unzählige armenische Zwangsarbeiter zum Opfer fielen – zu unterstreichen. Die lange Wand entlang laufen die Schienen der Bagdadbahn, Meter für Meter bestückt mit den „Briefen der Ungesehenen“. Es sind 370 kleinformatige abstrakte Bilder (je 18×28 cm, Mischtechnik auf Lokta), farbenfroh und akzentuiert, die die Malerin Anna Maria Mackowitz auf die Schienen appliziert hat. Sie stehen für das Leben, für die ungesehenen Geschichten der zahlreichen Arbeiter, die beim Bau dieser Bahn aufgerieben, ermordet und achtlos liegen gelassen wurden. Unter den Schienen sind ganz real tausende Menschen begraben. Die Bilder aber erzählen in ihrer Farben- und Formenvielfalt vom Potential der Getöteten, von dem, wie ihr Leben hätte aussehen können. Sie korrespondieren mit den 108 Booten, die von der Decke hängen. Elisabeth Melkonyan hat sie nach 10 verschiedenen Modellen aus Ton und unter Einsatz von ausschließlich natürlichen Materialien gestaltet. Es sind wunderbare Skulpturen, jedes Boot ist ganz eigen gestaltet. Es ging Melkonyan darum, den Verlauf allen Lebens zu symbolisieren: Am Beginn steht ein Samenboot, es folgen Blüten- und Blätterboote, dann die vielen unterschiedlichen Gewürze des Lebens, schließlich die Symbole des Abschieds; am Ende stehen Asche und Blut. Doch da das Blutboot nicht das letzte sein sollte, hat die Künstlerin noch ein Weihrauchboot gestaltet, das für das Element Luft und für Transzendenz steht.

 

Beide Installationen sind überaus eindrucksvoll. Stark in ihrer Wirkung, schön und doch alles andere als lieblich, bezeugen die Arbeiten das Leben, das durch die Gewalt von Staat, Macht, Rassismus, Nationalismus und Rücksichtslosigkeit zurückgedrängt und allzu oft völlig zerstört wird, damals wie heute. Obwohl Melkonyan und Mackowitz konkret an den Völkermord an den Armeniern erinnern möchten, ist in den Bildern von Schienen und Booten der Bezug zu Flucht und Migration in der Gegenwart hergestellt. Doch nichts wird erklärt und ausgedeutet, die Installationen sprechen für sich und ermöglichen viele Assoziationen, je nach Hintergrund und Gestimmtheit der Betrachter/innen. Eine thematische Fokussierung leisten immerhin einige beigestellte Gemeinschaftsarbeiten: Die Zusammenstellung von authentischen Tagebuchaufzeichnungen und Augenzeugenberichten, ein Gewebe aus Hanf, in das menschliche Silhouetten und Fotografien (aus Privatbesitz) eingearbeitet sind und eine gemalte Landkarte (Shellack), in die der Verlauf der Bagdadbahn „wie ein Zerschneidungselement“ eingestickt ist. Mit diesen Arbeiten und anhand von Zitaten wird LOOP faktisch thematisch grundiert: „Vergangenes historisch artikulieren heißt nicht, es erkennen wie es denn eigentlich gewesen ist. Es heißt, sich einer Erinnerung bemächtigen, wie sie im Augenblick der Gefahr aufblitzt“ (Walter Benjamin). Auf dem Platz vor der Jesuitenkirche ist ein Stück Eisenbahnschiene aufgestellt, auf der mit roter Farbe ein Zitat des Philosophen George Santayana angebracht ist: „Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“

Die Bagdadbahn wurde zwischen 1888 und 1918 gebaut und sollte Berlin mit Bagdad verbinden (sie verband Istanbul und das irakische Bagdad). Seit 1890 wurde auch die Strecke Istanbul – Ankara ausgebaut, weitere Nebenstrecken folgten, insgesamt wurde bis 1940 gearbeitet. Die Bagdadbahn war ein Großprojekt des deutschen Kaisers Wilhelm zusammen mit dem türkischen Sultan, mit Geldern der Deutschen Bank und unter Beteiligung zahlreicher Bauingenieure aus Europa. Man wollte sich neue Wirtschaftsräume erschließen, es ging vor allem um den Transport von Erdöl und Kriegsmaterial. Die Bahnstrecken dienten schließlich auch der Deportation von Menschen: Im Februar 1915 wurden auf Befehl von Enver Pascha die armenischen Soldaten entwaffnet und zur Zwangsarbeit herangezogen, bereits 1916 waren Tausende von Armeniern beim Bau beschäftigt, doch sie wurden ab Sommer 1916 im Zuge der generellen Verfolgung  von Armenierinnen und Armeniern sukzessive deportiert und durch Muslime, Häftlinge oder Kriegsgefangene ersetzt. Die Deutschen, die über die Vorgänge informiert waren, die Zwangsarbeiter in Kauf nahmen und auch über Deportation und Ermordung Bescheid wussten, machten sich am Genozid mitschuldig. 2016 hat die deutsche Regierung durch eine Abstimmung im Parlament die Schuld eingestanden, sehr zum Unmut der türkischen Regierung, die den Völkermord bis heute leugnet.

Der Großvater von Anna Maria Mackowitz‘ Ehemann war als Ingenieur in den 1930er und 1940er Jahren am Bau der Bagdadbahn beteiligt, Korrespondenzen und Fotografien aus dieser Zeit befinden sich in Familienbesitz. Sie selbst hat in den 1980er Jahren in Istanbul gelebt, sie kennt das Land sehr gut und hat ausgedehnte Reisen nach Anatolien und Syrien unternommen. Elisabeth Melkonyan war andererseits mit einem Armenier, der in Innsbruck lebt und in dessen Familie es Opfer gab, verheiratet. So hat etwa die Großmutter die Verfolgung der Armenier nicht überlebt. Die Mutter, die damals ein Mädchen war, bezeugt den Genozid und hat ihre Erfahrungen aufgeschrieben, sie wurden ins Deutsche übersetzt und 2016 in Tirol publiziert: Arusiag Melkonyan Vannantyanz: Tagebuchaufzeichnungen. Vahé Vannantyanz. In: Reimmichlkalender 2016, 209ff. Die parallelen Familiengeschichten haben die beiden Künstlerinnen zu diesem Projekt zusammengebracht, das Konzept wurde in einem Prozess von mehreren Jahren gemeinsam erarbeitet. Für beide ist das Projekt von besonderer Bedeutung: Melkonyan hat im Zuge der Arbeit an den Booten und durch die Auseinandersetzung mit dem Material die Verbindung zur Natur intensiviert; sie arbeitet vielfältig, mit Malerei, Textil und Keramik – meist ausgehend von einem Konzept. Für Mackowitz ist die Verbindung von Malerei, Geschichte und Sprache wichtig, sie ist auch Historikerin und nähert sich den Themen gern auf dieser Ebene. Die Künstlerinnen schaffen Bilder und Objekte in einer Funktion, es geht darum, Ideen und Überlegungen zu visualisieren und mit den Objekten andere zu berühren bzw. eine politische Aussage zu vermitteln.

LOOP bedeutet Schleife, Verbindung. Wie die Armenier als Zwangsarbeiter schinden mussten, um schließlich teilweise mit Viehwaggons der Deutschen Bahn in die Wüste geschickt zu werden, wurden im Zweiten Weltkrieg die Juden per Bahn deportiert und umgebracht. Das Projekt LOOP will die schleifenartige Wiederholung dieser destruktiven Vorgänge offen legen, es sucht nach den Verbindungen der Gewalthandlungen und vor allem nach deren Auswirkung – weit über eine Generation hinaus. Der Völkermord an den Armeniern ist in der Türkei über all die Jahre bis heute wirksam geblieben, wie sich z.B. in dem Essay „Weil sie Armenier sind“ (Orlanda Verlag 2015) von Pinar Selek, einer türkischen Widerstandskämpferin im Exil, nachlesen lässt. Der Genozid an den Juden in Deutschland, Österreich und anderen europäischen Ländern wirkt als Trauma bis in die heutigen Generationen fort. Die Bilder der Transporte von Flüchtlingen aus dem Nahen Osten und aus Afrika zeigen, dass dieselbe Gewalt loopartig wiederkehrt: Anna Maria Mackowitz und Elisabeth Melkonyan sehen darin eine wiederkehrende Schuld, die, weil nach wie vor vieles verschwiegen wird und weil immer noch allzu oft weggeschaut wird, nicht zur Ruhe kommen kann. Das Nichtsehen oder Leugnen von historischen Tatsachen und das Nicht Benennen (z.B. das Vermeiden des Begriffs Genozid) führen dazu, dass Trauma und Schuld im Untergrund weiter schwelen.

Erika Wimmer

Beitrag in: LiLit. Literatur im Lichthof, 11/2017