Erika Wimmer: Schön genug! als künstlerisches Prinzip

 

Anna Maria Mackowitz’ Bilder sind Bewegung. Die Farbpalette voll ausschöpfend überläßt sich die Malerin im kreativen Akt einer ungezähmten Kraft und bannt die Qualität des Elementaren auf Leinwand und Papier. Da ist nichts gekünstelt, gepinselt, ausgefeilt. Die Arbeiten sind keinem ordnenden Willen unterworfen, und doch sind sie nicht hingeworfen. Sie konzentrieren.

Es ist vielleicht Musik, die den Antrieb zu diesen Bildern gibt. Oder die Natur mit all ihren Aspekten: Gewaltsames, Wachsen, Vibrieren. Doch das außen Wahrgenommene verschmilzt bei Anna Maria Mackowitz mit dem Inneren, im Begreifen wird es erst sinnhaft. Die Bilder sind Momentaufnahmen von Lust und Tod. Im Augenblick der Formgebung kommt der Mensch und seine Wahrnehmung ins Spiel, auch dem Betrachter nachvollziehbar als Geste, Zeichen, Körper. Form ist erkennbar, doch erscheint sie nicht festgehalten, nicht einmal gebannt. Was entsteht, löst sich sofort wieder auf. Nicht weil die Malerin es so will, sondern weil es so ist.

Momentaufnahmen von Lebensfreude und Auflösung also, und diese beiden sind keine Gegensätze. Lust ist nicht mit einem Begriff von Tod als Vernichtung vereinbar. Tod / Auflösung ist nur eine Phase in der ständigen Fortbewegung, die zugleich Lust ist. Energie erschöpft sich nicht, sie verändert nur, nimmt immer wieder neue Gestalt an. Einmal ist sie tiefblau, einmal azur, ein andermal türkis. Einmal bildet sich ruhig ein Wasser?-Auge? auf Grund, ein andermal steigen Wirbel hoch, etwas sucht Ausgang, ein anderes schafft Grenze. Damit ist schon alles gesagt. Schön genug! scheint die Malerin zum Ausdruck zu bringen. Es genügt, die Essenz, die Energie, die Bewegung, die Kraft zu malen, darin ist alle Schönheit als Potential enthalten. Manchmal entfaltet sich etwas, was im herkömmlichen Sinn schön zu nennen ist. Aber es ist nicht wichtiger, nicht gelungener als anderes, das roh, vielleicht ungelenk erscheint. Ausgestalten und ordnen, schöner machen - das ist nicht Sache von Anna Maria Mackowitz, jedenfalls nicht in dieser neuen Serie von Bildern in Mischtechnik. Hier konzentriert sich die Malerin auf die kreative Energie und achtet weniger auf das Ergebnis, das umso mehr überzeugt. 

Diese Malerei ist abstrakt, und doch paßt der Ausdruck nicht zu ihr. Diese Malerei will nichts sein. Auf der Leinwand, dem Papier ereignet sich Bewegung. Licht ist dabei das bestimmende Moment, es bringt hervor, es erschafft den Raum. Es bricht vom Hintergrund herein oder legt sich über einen dunkleren Grund. Körper, Geste, Zeichen kehren wieder in der Farbe Weiß. Die dunkleren Farben wirken beherbergend, in ihnen scheint alles gespeichert, Weiß bringt den Wirbel, die Veränderung. Das Licht ist der Aspekt, der  Erscheinung und noch einmal Erscheinung erzeugt. Ausgespart wird nichts. Grafische Elemente werden sparsam eingesetzt, etwa als Bildteilung oben / unten, in vielen Bildern fehlen sie jedoch gänzlich. Flächen haben eine große Bedeutung, sie vermitteln Weite. Die Bilder wirken großzügig und führen den Betrachtenden über die Grenze des Bildrandes hinaus. Farben scheinen keinen Symbolwert zu haben. Eher kommt man auf den Gedanken, die Farben - Rot, Blau, Schwarz, Weiß – als bloße Lichtspiele, als Teile für ein Ganzes zu sehen: In jeder Farbe ist zugleich die gesamte Farbpalette enthalten.

Anna Maria Mackowitz behübscht nichts, sie preßt nichts in vorgefertigte Bilder, sie verweist nicht auf etwas. Nichts Heiliges wird auf die Natur gelegt. Allenfalls ist die Natur selbst heilig, eben schön genug! Erde, Wasser, Feuer... die Elemente  sind hier keine relevanten Kategorien. Es geht nicht um die Elemente, sondern um das Elementare, daher ist ein blaues Bild auch kein Wasserbild, ein rotes kein Feuerbild, genauso wenig ist die runde Form ein Ball oder ein Auge. Natürlich findet man als Betrachter scheinbar Flüssiges, scheinbar Vegetabiles. Man kann ein Spritzen von einem Fließen unterscheiden oder allmählich sich Aufbauendes von Emporgeschossenem trennen. Manchmal glaubt man ins Chaos zu blicken, ein andermal befindet man sich in perfekter Harmonie. All das ergibt sich aus dem Umgang mit Materie, nichts weiter. Einen größeren Sinn hat solche Betrachtungsweise nicht.

Man tut gut daran, bei Anna Maria Mackowitz’ Bildern die tiefere Schicht aufzuspüren, also jene Gegenden zu erkunden, wo ein Motor Bewegung und damit Veränderung auslöst. Im menschlichen Erleben nennt man solche Veränderungen: Erfahrung. Indem sich Bewegung ereignet, wird erfahren und gelebt. Dies ist keine psychologische Kategorie, es deutet nicht Befindlichkeit an, es ist nicht gut und nicht schlecht. Es ist das, was so oder so stattfindet und schön genug.

Erika Wimmer